DenkOrt Deportationen 1941 - 1944 in Würzburg am 23. September 2020

DenkOrt Deportationen 1941-1944 in Würzburg eingeweiht

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Erinnerungsarbeit in die Zukunft

Am 17. Juni 1943 starteten zwei Deportationszüge vom Würzburger Hauptbahnhof nach Auschwitz, darunter ein eineinhalb Jahre altes Kleinkind. Insgesamt wurden in sieben Deportationen 2.069 Männer, Frauen und Kinder zwischen 1941 und 1944 aus Unterfranken in die osteuropäischen Durchgangs- und Vernichtungslager deportiert, nur 63 überlebten. Am 17. Juni 2020, genau 77 Jahre nach diesem Deportationszug, hat die Stadt Würzburg gemeinsam mit dem Verein „DenkOrt Deportationen“ ein Denkmal an diesem prominenten Platz, den täglich Hunderte von Menschen passieren, eingeweiht.

„Hier, wo sich täglich Menschen aus freien Stücken auf die Reise machen, ist der richtige Ort, an die Menschen zu erinnern, für die es keine Rückkehr mehr gab“, betonte Oberbürgermeister Christian Schuchardt bei der Einweihung.

Jedes Gepäckstück des Denkmals stehe nicht nur für eine unterfränkische Gemeinde, in der 1932 eine jüdische Kulturgemeinde existierte. Genauso stehe es auch dafür, dass die Menschen dieses Gepäck nicht freiwillig am Bahnhof hinterlassen haben. „Der DenkOrt Deportationen zeigt, welche mörderischen Verbrechen aus Hass begangen werden. Vielleicht ist dieses Denkmal ein Schlüssel zu besserer menschlicher Zukunft“, so die Hoffnung des Oberbürgermeisters. Identische Gepäckstücke bilden in jeder der Gemeinden die Mitte eines weiteren, dazu passenden, kleinen DenkOrtes. „Das macht dieses Denkmal so einzigartig und zu einem nicht statischen, sondern wachsenden Denkmal“, so Schuchardt. „Die zentrale Gedenkstätte für die deportierten und ermordeten unterfränkischen Juden hier am Würzburger Hauptbahnhof ist zugleich der zentrale Knotenpunkt eines Netzes von Gedenkstätten, das ganz Unterfranken überspannt.“

Der „DenkOrt Deportationen 1941-1944“ am Würzburger Hauptbahnhof trage, fügte Dr. Ludwig Spaenle, Antisemitismusbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, hinzu, seine Strategie nach ganz Unterfranken. Auch Spaenle betonte gerade den Ort des Denkmals am Hauptbahnhof als herausragend, zumal die Bahn bei den Deportationen nicht unbeteiligt war: „Sie stellte die Deportationen der Menschen in Rechnung und die Züge in die Vernichtungslager hatten Vorrang vor den Versorgungszügen der Wehrmacht. Dass das Denkmal „DenkOrt Deportationen 1941-1944“ in ganz Deutschland seinesgleichen suche, stellte Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, heraus. „Es ist wichtig, zu erklären, was geschehen ist und wieso; und dies jeder Generation zu verdeutlichen. Wir schulden dies nicht nur den damaligen Menschen, sondern der Demokratie und den kommenden Generationen.“ 1933 gab es in Unterfranken 109 jüdische Gemeinden, so viele wie deutschlandweit in keinem anderen Regierungsbezirk, es waren die lebendigsten jüdischen Gemeinden Deutschlands. „Wir müssen uns erinnern, damit es keine Wiederholung gibt“, mahnte Erwin Dotzel, Präsident des Bezirkstags von Unterfranken.

 

Ein Denkmal, das auf Entpersionalisierung und Entrechtung hinweist

Aufgrund seiner Konzeption und Formensprache knüpft das emotional wirkende Denkmal bereits an die ersten Schritte des Arbeitskreises „Wir wollen uns erinnern“ und den sich daraus gegründeten Verein „DenkOrt Deportationen“ an. Die eigentliche Leistung dieser Form der Erinnerungskultur ist, eine Formensprache und einen Weg gefunden zu haben, den Entrechteten und Entpersonalisierten wieder ihre Identitäten zurückzugeben. 22 Fototafeln von Unterfranken, die ihr Leben auf diese unvorstellbare Weise verloren haben, nahmen an der Einweihung des DenkOrtes teil.

Die Grundidee für das 25 auf 8,50 m große Denkmal basiert auf einer Fotografie: Hauptmotiv sind die Gepäckstücke, die die Menschen links und rechts auf ihrem Weg zu den Zügen zurücklassen. Auf dem historischen Basaltpflaster der Aumühle tragen Podeste verschiedener Größe ein Kofferband in 22 Metern Länge, die Gepäckstücke sind den damaligen echten Koffern, Rucksäcken und Rollen nicht nur nachempfunden. Sie sind abgenutzt, gerissen und einfach gebraucht und sind allein schon aufgrund dieser Darstellung emotional besetzt. Sie könnten jedem gehören. Vier Informationsstelen und drei Sitzbänke fordern dazu auf, uns hier nicht nur zu erinnern und zu gedenken, sondern auch zu hinterfragen und zu spüren. Sternförmig wird der DenkOrt die Geschehnisse wieder in die Wohnorte der Menschen zurückspiegeln, die aus ganz Unterfranken nach Würzburg zusammengetrieben wurden. Für den DenkOrt Deportationen werden die Gepäckstücke, ob nun Koffer, Rucksack oder Deckenbündel, stets im Doppel hergestellt. Auch das Material erinnert bisweilen an die Menschen, es finden sich Gepäckstücke aus dem Holz jüdischer Wohnhäuser. Das jeweils zweite, identische Gepäckstück steht in den ehemaligen Wohnorten der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, in 47 Gemeinden von Adelsberg bis Willmars. In Würzburg findet sich noch ein zweiter DenkOrt, da der Stadtteil Heidingsfeld vor 1945 noch eine eigenständige Gemeinde mit jüdischer Bevölkerung war. Schulklassen waren in die Herstellung der Gepäck-Skulpturen eingebunden. Stelen vor Ort informieren über die Ereignisse und die Menschen, QR-Codes bieten schnellen Zugang zu weiteren Informationen.

Benita Stolz, Vorsitzende des Vereins DenkOrt Deportationen, schilderte die Entwicklung vom ersten „Weg der Erinnerung“, bei dem 2011 in Erinnerung an die Deportation vom Platz’schen Garten bis zum Aumühl-Ladehof 852 Tafeln mit den Namen aller am 25. April 1942 deportierten Juden getragen worden. 3.000 Menschen gingen vor neun Jahren diesen Weg der Erinnerung, es nahmen sogar Nachkommen jüdischer Unterfranken aus Israel teil. In enger Zusammenarbeit mit Architekt Matthias Braun sei in der Folge ein „soziales Denkmal entstanden, das nicht schamhaft weggerückt, sondern in aller Öffentlichkeit steht.“

Es endet hier aber nicht: Das Johanna-Stahl-Zentrum hat einen Denkort 2.0 geschaffen. Online finden sich nicht nur viele Informationen zu den Deportationstransporten aus Unterfranken, zur Konzeption des Denkmals, wie auch zu den damaligen jüdischen Gemeinden und Wohnorten (https://denkort-deportationen.de). Benita Stolz: „Wir haben einen langen Weg hinter uns und vor uns.“

Intensiv an der Planung für das Denkmal beteiligt waren der Verein „DenkOrt Deportationen e.V.“ und eine Vorbereitungsgruppe um Dr. Josef Schuster als Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde und Oberbürgermeister Christian Schuchardt. Das Johanna-Stahl-Zentrum sorgte für die historischen Hintergrundinformationen und biografische Angaben zu den Deportierten. Begleitet wurden die Planungen vom Kulturreferenten Achim Könneke, dem Kulturamt und dem Gartenamt der Stadt Würzburg, das unter der Leitung von Dr. Helge Grob die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes mit Erweiterung des Ringparkes und überzeugender Integration des DenkOrtes erstellte. Mit den Arbeiten für das Denkmal wurde dem Ringpark zum ersten Mal in der Nachkriegszeit Fläche zurückgegeben, etwa 400 Quadratmeter erweitert, und beachtlich aufgewertet.

Die Einweihung des DenkOrtes wurde in einem LiveStream vom BR übertragen.

 

Quelle: Stadt Würzburg


 

Pressebericht des Polizeipräsidiums Unterfranken vom 15. Juli 2020

Unbekannte beschädigten Denkmal am Hauptbahnhof – Wer hat etwas Verdächtiges beobachtet?

WÜRZBURG / INNENSTADT. Im Zeitraum vom 01.06 bis 28.06.2020 wurde das Denkmal „Deportation“ am Bahnhofsvorplatz demoliert. Unbekannte beschädigten dabei Teile des Denkmals. Der Sachschaden beläuft sich auf ungefähr 1.100 Euro. Im Rahmen der Ermittlungen hofft die Polizei nun auf Hinweise aus der Bevölkerung.

Die erste Vorsitzende des Vereins „DenkOrt-Deportationen e.V.“ stellte am 28.06.2020 fest, dass an mehreren Stellen des Denkmals „Deportation“ am Bahnhofsvorplatz unter anderem Betonteile eines Betonrucksacks abgeplatzt waren und ein zugehöriger Träger aus Kupfer abgerissen wurde. Bei einer Betonbank wurden drei Beschädigungen, die vermutlich durch Einwirken eines harten Gegenstandes entstanden, entdeckt. Der Schaden beläuft sich auf circa 1.100 Euro. Noch unklar ist jedoch, wann genau sich die Vorfälle ereigneten. Die Kriminalpolizei übernahm daraufhin die Ermittlungen.

Aus diesem Grund erhofft sich die Kripo Würzburg Hinweise aus der Bevölkerung. Wer in der Zeitspanne vom 01.06. bis 28.06.2020 etwas Verdächtiges am Bahnhofsvorplatz beobachtet hat oder sonst sachdienliche Hinweise geben kann, wird gebeten, sich unter Tel. 0931/457-1732 bei der Kripo Würzburg zu melden.

 

Pressebericht der Stadt Würzburg vom 20. Oktober 2020

DenkOrt Deportationen in Heidingsfeld

Alltagsgegenstand steht für das Unfassbare

In Heidingsfeld erinnert nun am Dürrenberg (Kreuzung Zindelgasse) ein Koffer aus Beton an unfassbares Leid und Unrecht in der Zeit des Nationalsozialismus. Oberbürgermeister Christian Schuchardt sprach in seiner Rede vom „Spiegelstückkoffer zum DenkOrt Deportationen“ auf dem Vorplatz des Würzburger Hauptbahnhofs. Hauptsächlicher Bestandteil des DenkOrtes sind Skulpturen in Form von Gepäckstücken, die an 2.069 Männer, Frauen und Kinder erinnern. Sie wurden zwischen 1941 und 1943 aus Unterfranken in die Durchgangs- und Vernichtungslager im besetzten Osteuropa deportiert und nur 63 von ihnen – soweit dies bekannt ist – sollten überlebten.

Das Denkmal am Bahnhof bilde laut Schuchardt einen Knotenpunkt für ganz Unterfranken. Erinnert werden soll an die einst 109 jüdischen Gemeinden, die vor der Machtergreifung der Nazis prägend für die Region waren. Dr. Josef Schuster, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Würzburg und Unterfranken und Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, zeigte auf, dass Heidingsfeld vor der Eingemeindung des „Städtles“ 1930 sogar die bedeutendere der beiden Kultusgemeinden im heutigen Stadtgebiet war. Hier und nicht in Würzburg war lange Zeit der Sitz des Oberrabbiners. 700 Jahre jüdische Geschichte haben im Ort viele Spuren hinterlassen, in der Hochzeit war rund ein Fünftel der Bevölkerung jüdischen Glaubens. Mit der Ergänzung der Gepäckstücke aus diesen Gemeinden werde der DenkOrt laut Dr. Schuster nun nach und nach komplett. Aktuell sind 47 Kommunen in das zentrale Mahnmal integriert, das Architekt Matthias Braun entworfen hat. Und der DenkOrt wird zentral und dezentral weiter wachsen.

Alle Redner betonten, dass diese Vernetzung hinein in die Region das einzigartige an diesem Konzept der Erinnerungskultur sei. Ausgedacht hat sich dieses Zwillingsmodell der Verein „DenkOrt Deportationen“ (https://denkort-deportationen.de). Beim Wachsen des Erinnerungs-Netzwerks können nun viele einen Beitrag leisten. Im aktuellen Fall ist dies die städtische Berufsschule „Josef Greising“ vor Ort. Fachlehrer Mario Metz und seine Straßenbaulehrlinge fertigten den Betonkoffer, der laut Schulleiter Johann Schweiger in der Schule in der Phase der Entstehung selbst wie ein „Stolperstein“ wirkte. Die Vermittlung des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte werde durch solche Projekte für die nächste Generation greifbarer.

 

Pressebericht der Stadt Würzburg vom 2. November 2020

DenkOrt Deportationen um Koffer in der Spiegelstraße erweitert

Jedes Gepäckstück steht für verlorene Leben

In der Mitte der Stadt, in der Spiegelstraße, steht nun der zweite Würzburger Koffer, identisches Gegenstück zum Koffer am Mahnmal Deportationen am Hauptbahnhof. Gefasst in Stein lässt das Gepäckstück durch eine Plexiglasmitte einen Blick auf seinen Inhalt frei:
Kuscheltier, Zahnbürste, Pfennig und Tagebuch geben Aufschluss über seinen Besitzer, der der 12 Jahre alte Herbert Mai gewesen sein könnte.

Mai führte Tagebuch, als er am 27. November 1941 mit seiner Familie von eben diesem Ort deportiert wurde, dem Standort der ehemaligen Schrannenhalle, wo heute das Mainfranken Theater steht. Mitten in der Nacht wurden 202 Jüdinnen und Juden bei dieser ersten Deportation in Würzburg aus ihren Leben gerissen, mit gerade mal dem Nötigsten in ihren Koffern, um am 29. November nach Riga deportiert zu werden – ohne ihre Gepäckstücke. Diese Reise in den Tod überlebten nur 16 Menschen, darunter der Junge Herbert Mai. Seine Geschichte gab Schülerinnen und Schülern des Matthias-Grünewald-Gymnasiums, Stipendiaten der Roland-Berger-Stiftung, den Impuls zur Gestaltung des Koffers, dessen Griff aus Stacheldraht das immense Leid der Menschen symbolisieren soll.

Wie der DenkOrt Deportationen am Würzburger Hauptbahnhof hebt auch dieser Koffer eigenständig die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf. Oberbürgermeister Christian Schuchardt bezeichnete bei der Aufstellung dieses Kunstwerks den DenkOrt Deportationen als „Knotenpunkt eines Unterfranken überspannenden Netzes.“ Der DenkOrt sei als wachsendes Denkmal konzipiert und nicht statisch, aktuell stehen dort Gepäckstücke von 47 Kommunen, es sollen weitere dazu kommen. „Ich bin stolz auf dieses bürgerschaftliche Engagement, denn wir müssen aufstehen, wenn das Dunkle wieder kommt. Mit den Worten von Max Mannheimer: Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschehen ist. Aber dass es nicht wieder geschieht dafür schon“, fügte Schuchardt hinzu.

Marat Gerchikov, stellvertretender Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken, betonte bei der Feierstunde, dass nur wenige jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger den Massenmord überlebten. „Der Holocaust begann genau an solchen Orten. Aber 75 Jahre nach Ende der Schoa stellen wir fest, dass es wieder jüdisches Leben in Würzburg und in Deutschland gibt. Wir sind ein anerkannter Teil der Gesellschaft und es ist den Nazis nicht gelungen, das Judentum zu vernichten. Wir sind da, wir gehören dazu und das wird so bleiben.“ Dennoch sei ein „unerträglich steigender Antisemitismus in den vergangenen Jahren“ zu beobachten. „Der alte Sündenbock ist wieder da und Zielscheibe für Anschläge und Hass.“ Keiner dürfe wegsehen, so Gerchikov, denn „dies betrifft uns alle.“ Der DenkOrt Deportationen am Hauptbahnhof erinnert mit Gepäckstücken aus allen jüdischen Gemeinden Würzburgs und des Umlandes an die Deportation von 2.069 Jüdinnen und Juden Unterfrankens zwischen November 1941 und Dezember 1944. Jede ehemals jüdische Gemeinde stellt dafür die Skulptur eines Gepäckstücks zur Verfügung, das identische Zwillingsstück – und damit ein kleiner DenkOrt – findet sich in der Gemeinde selbst. In Würzburg stehen außer dem DenkOrt am Hauptbahnhof zwei weitere Koffer, einer in der Spiegelstraße in Nähe der ehemaligen Schrannenhalle und einer in Heidingsfeld, da der Stadtteil zur Zeit der Naziverbrechen eine eigenständige Gemeinde war.

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